Kanada – Hike in & Raft out [Touren unserer Teilnehmer]

Als wir 2017 das erste Mal bei einer Packrafting-Tour mit LWA an der Nahe dabei waren, war recht schnell klar, dass das nicht unsere einzige Begegnung mit diesem Sport bleiben würde. Ein halbes Jahr später und um eine Hunsrück-Erfahrung sowie zwei eigene bunte Gummiboote reicher planen wir dann bereits unseren nächsten großen Urlaub und lange gehegten Traum: Kanada!
Vom Raftingfieber gepackt können wir uns Kanada ohne Packrafts nicht mehr vorstellen und beginnen mit der Organisation.

Wer schreibt hier eigentlich?


Die beiden Heidelberger Jens und Mareike, die ihre Freizeit gerne aktiv beim Zelten, Klettern, Wandern und Skifahren verbringen, haben im Sommer 2017 das erste Mal mit uns im Boot gesessen. Bei diesem ersten Paddeltag haben sie sich so sehr mit dem Packrafting-Virus infiziert, dass schon bald zwei bunte Boote bei ihnen einzogen. Zum Saisonstart 2018 prüften die beiden ihre Ausrüstung auf Herz und Nieren, um sich dann in eigene Packrafting-Touren in Deutschland, Luxemburg und schließlich in Kanada zu stürzen.


Vielen Dank euch beiden für’s Teilen eures Kanada-Abenteuers und viel Spaß weiterhin bei euren Touren!

Aber wie bereitet man eine Tour durch ein riesiges Land vor, von dem es weder rafting-sinnvolle Wanderkarten geschweige denn sowas wie Wasserkarten zu finden gibt? Paddler-Erfahrungsberichte sind trotz des allmächtigen Internets auch eher rar gesät, sodass wir letztendlich mit vielen Ideen, aber wenig konkreter Planung oder fixer Buchungen Anfang September 2018 in den Flieger nach Calgary steigen. Wie meistens – auch ohne Fluss – ist es ja sowieso entspannter, sich einfach mal treiben zu lassen.

Von Calgary aus geht es dann ganz klassisch mit dem Mietwagen nach Canmore, quasi das Tor zu den bekanntesten Nationalparks Kanadas. Hier gibt es auch noch einen großen Supermarkt, der sogar Sonntags geöffnet hat – durchaus wichtig, wenn man nicht am nächsten Morgen noch wertvolle Urlaubszeit mit einkaufen verbringen will. Wie wir bereits online herausgefunden hatten, gibt es in Canmore mehrere Outdoor-Shops, die auch Packrafting-Ausrüstung verkaufen. Also beginnt unser erster Urlaubstag in einem dieser Läden in der Hoffnung, jemanden zu finden, der uns mit lokalen Tipps zum Packrafting versorgen wird. Anderthalb Stunden später (und um ein Bärenspray reicher) haben wir genügend Touren und Hinweise, um problemlos die nächsten 6 Wochen ausschließlich im Banff-National-Park unterwegs sein zu können.

Unser einziges Problem: Winter is coming. Während es in der Woche vor unserer Ankunft noch bis zu 27 Grad vor Ort war, sind jetzt für die nächsten Tage eher frostige Temperaturen und sogar Schneefall angesagt. Das wäre dann mal ca. 4 Wochen früher als normal. Passt natürlich zu diesem Jahr, wo wir bei der ersten Hunsrück-Tour einen nahtlosen Übergang vom Winter zum Sommer hatten. Dann fällt der Herbst halt auch weg – und wir beginnen bei jeder seltenen Gelegenheit (Internet gibt’s nur alle paar hundert Kilometer) unsere Routenplanung nur für die jeweils nächsten 3 Tage etwas ans Wetter anzupassen. Von unseren ursprünglich angedachten längeren Touren >4 Tage lassen wir die Finger – diese hätten allesamt Wanderungen über Pässe beinhaltet, und das verträgt sich einfach nicht so sehr mit Wintereinbruch und Schneetreiben in unbekanntem Terrain. Willkommen in den Rocky Mountains!

Wir fahren also erstmal von Banff aus Richtung Norden, passieren Lake Louise im Nebel und befinden uns schnell auf dem Icefield Parkway, einer der wohl schönsten Straßen der Welt. Wenn der Nebel nicht wäre… Am Ende haben wir den Banff-Nationalpark an nur einem Tag im Auto durchquert und Gletscher, Seen und Flüsse gesehen – und durchaus schon einen Eindruck von der schieren Weite und Natur bekommen. Die erste Nacht im Park zelten wir nahe des Athabasca-Gletschers, nachts klart es auf, die Temperaturen fallen unter 0 Grad und am nächsten Morgen begrüßt uns Kaiserwetter über dem Icefield. Es kann losgehen.

Auf unserem Weg Richtung Norden kann man gar nicht so oft anhalten, Fotos und Wanderungen machen, wie man möchte. Wir befinden uns noch an der Hauptroute aller Touristen, doch man sieht schon die Möglichkeiten, die sich nur wenige Kilometer vom Parkway entfernt im Backcountry ergeben.
Wir halten an jedem Fluss, der unseren Weg kreuzt, und fachsimplen über die „Raftability“ des Gewässers. Dabei stellen wir schnell fest, dass die Flüsse hier eine gigantische Fließgeschwindigkeit und mickrige Temperaturen haben – kein Wunder, schließlich sind wir ringsum im Umkreis von hundert Kilometern von gigantischen Gletschern umgeben. Das Tempo und die Fälle der Flüsse nötigen uns jedenfalls erstmal ordentlich Respekt ab. Sind wir dafür wirklich fit genug nach ein paar Runden auf dem Hahnenbach und der Nahe?

Der Weg führt uns letztendlich bis zum Mount Robson Provincial Park, der ein Postkartenpanorama zu bieten hat, dass wir bereits vorher im Internet bestaunt haben und als absolutes Must-Do abgespeichert hatten. Hier machen wir uns das erste Mal die Füße nass…

Tour 1 – Kinney Lake:

Tagestour, Hike in 10 km → Raft out 4 km → Final hike out 7 km

Bei weiterhin recht unbeständiger Wetterlage starten wir zunächst zu einer 1-Tages-Test-Tour. Morgens geht es los am Mount Robson Visitor Center mit Packraft und Tagesgepäck. Wir stellen rasch fest, dass man auf den großen Touristenpfaden nicht allzu schnell vorankommt, da man in regelmäßigen Abständen von interessierten Wanderern angesprochen wird, die wissen möchten, was man denn mit diesem außergewöhnlichen Gepäck vor hat. Interessanterweise scheint selbst bei den Outdoor-Verrückten Kanadiern packraften noch weitgehend unbekannt zu sein.

Der Weg ist mehr als einfach, breit und gut begehbar und erinnert mehr an Spazierengehen in der Eifel. Dafür werden wir am Ende mit einer herrlichen Sicht auf den unwirklich türkisfarbenen Kinney-Lake entschädigt. Wir umrunden den länglichen See und suchen uns einen Einstieg oberhalb am Zufluss. Da in Kanada der Gletscher, der den See speist, nie sonderlich weit entfernt ist, ist auch das Wasser empfindlich kalt – Kenterübungen werden in beidseitigem Einverständnis ersatzlos gestrichen.

Kinney-Lake Packrafting Kanada © Jens Külzer
Der Kinney-Lake in strahlendem Türkis

Los geht es über den mäandernden Fluss mit kleinen Stromschnellen, ab und zu Treidelstellen im Kiesbett und jeder Menge Spaß. Wir merken sofort, wieviel wir dieses Jahr dank Sebastian schon gelernt haben und fühlen uns erst schnell sicherer und dann wie die Könige der Welt! Nach viel zu kurzer Zeit spuckt uns der Fluss bereits wieder in den Kinney-Lake und wir paddeln gemütlich, die Aussicht genießend und stets nach Wildlife Ausschau haltend, einmal längs über den See bis zum vorher gescouteten Ausstieg. Den dürfen wir nicht verpassen: kurz dahinter beginnt eine Wildwasserstrecke der Stufe 4 und mehr. Von einem lokalen Kayaktourenführer, der uns beim Abbau begegnet, erfahren wir, dass dieser Teil durchaus (mit Kayaks) befahren wird, allerdings nur etwas für Hartgesottene ist (er erzählte hierzu übrigens, dass er als Jugendlicher gemeinsam mit seinem Bruder einen LKW-Reifen hier hoch gerollt und sich damit den Fluss hinunter gestürzt hatte – ein Unterfangen, dass wir nach kurzer Besichtigung der nahen Wasserfälle nicht unbedingt empfehlen können). Wir sind also jetzt angekommen, haben uns schon mal die Füße nassgemacht und an Mareikes Geburtstag einen wundervollen Tag verbracht.

Tour 2 – Berg Lake (3-4 Tage)

Die nächsten Tage umrunden wir in weitem Umkreis weiterhin den Mount Robson, mit kleinem Abstecher in den Wells Gray Provincial Park – ca. 100 Kilometer weiter südlich, und der Regen ist hier deutlich wärmer. Unser großes Ziel: ein paar schneefreie Tage oben am „Robbie“.

Tag 1: Zum Whitehorn Campground

Hike in 11 km

Immer auf der Suche nach Sonnenschein finden wir uns ca. eine Woche später wieder am Mount Robson Visitor Centre wieder ein. Dieses Mal mit dem Plan, eine Mehrtagestour bis zum berühmten Berg Lake zu starten. Da dieser Weg recht beliebt und populär ist, muss man im Voraus die Campingplätze reservieren (unter discovercamping.ca) und sich vor dem Start im Visitor Center registrieren. Der Anmeldeprozess ist schnell erledigt, und man darf, nein muss, sogar ein kurzes Video zum Verhalten im Bear Country über sich ergehen lassen. Die Clips aus den 80ern sind amüsant anzuschauen, gleichwohl hat sich am Mensch-Bär-Verhältnis natürlich nicht viel geändert in den letzten 40 Jahren. Außer dass es heute Bärenspray gibt…

Der erste Teil der Wanderung führt uns über exakt den gleichen Spazierweg wie in Tour 1 zum Kinney Lake. Dieses Mal haben wir allerdings volles Gepäck für 3 Tage dabei und geradezu vorbildlich gepackt. Sebastian wäre stolz auf uns. Die zusätzlichen Kilos machen sich durchaus bemerkbar in direktem Vergleich zu unserer ersten Begehung. Wir wandern noch 2 Kilometer weiter als beim ersten Mal und erreichen glücklich den Whitehorn Campground, einen herrlichen Campingplatz direkt am Fluss. Sobald man den Kinney Lake hinter sich gelassen hat, wird es sehr viel ruhiger und weniger touristisch. Nichtsdestotrotz ist der Weg stets gut erkennbar und auch die kleinen Campgrounds immer mit Plumpsklo und Food Storages bzw. Bear Poles ausgestattet. Einziges Manko in diesem Park: Feuer machen ist überall strengstens verboten. Schade eigentlich, ein gemütliches Lagerfeuer wäre jetzt genau das richtige, zumal die aufziehende Dämmerung die Kälte der nahen Gletscher ankündigt. Wir bauen unser Zelt auf und genießen noch die letzten Sonnenstrahlen am Fuße des Whitehorns.

Tag 2: Zum Berg Lake Campground

Hike in 9 km (↑900m) → Raft in 3 km

An Tag zwei erwartet uns ein anstrengender Aufstieg, der sich serpentinenartig und steil durch das „Valley of a thousand Falls“ nach oben schlängelt. Belohnt wird man in sehr regelmäßigen Abständen mit phänomenalen Aussichten auf das zurückliegende Tal und – wie der Name schon sagt – unzähligen Wasserfällen, von denen jeder den Vorherigen zu überbieten scheint. Die bekanntesten und größten von ihnen sind die Emporer Falls, für die man einen kleinen aber lohnenswerten Umweg von ca. 1 km einlegen kann. Auf dem durchaus matschigen Weg nach oben werden wir mehrfach von flotten Kanadiern überholt. Es soll sogar welche geben, die den Aufstieg an nur einem Tag durchziehen. Aber die schleppen ja auch keine 10 Kilo Packrafting-Ausrüstung nach oben! Wir schuften uns also weiterhin ab und erreichen schließlich den Berg Lake. Der imposante Gletscher, der auf keiner Postkarte aus der Gegend fehlt, lässt sich bereits erahnen!

Während der Wanderweg noch mehrere Kilometer links am Ufer entlang über ein Geröllfeld verläuft, queren wir das Geröllfeld auf kürzestem Weg Richtung Wasser. Warum laufen, wenn man auch Paddeln kann? Voller Vorfreude werden die Boote ausgepackt – nach kurzer Zeit haben wir um uns herum einen beeindruckenden Haufen an Material und Packsäcken (Packsystem!) ausgebreitet. Immer wieder erstaunlich, was in die Rucksäcke und danach in die Boote passt…

Mit Schwung geht es ins Wasser (siehe Titelbild). Vor uns liegt der glasklare, und doch türkise Berg Lake. Im Wasser spiegelt sich der Gipfel des Mount Robson, des höchsten Berges der kanadischen Rockies. Die einzigen Wellen auf dem Wasser kommen von unseren Packrafts. Nach einigen hundert Metern Paddelstrecke schiebt sich die gigantische Gletscherzunge ins Blickfeld. Im Gegensatz zu den anderen Wanderern kommen wir so ganz nah an den Gletscher heran. Wir sind vollkommen überwältigt von diesem Anblick und der Geräuschkulisse des kalbenden Gletschers. Mit dem nötigen Sicherheitsabstand ziehen wir mehrfach vor der Eiswand unsere Kreise können es gar nicht fassen, dass wir wirklich hier sind – mittendrin in dem Postkartenmotiv der Region.

Im Packraft vor dem Gletscher

Irgendwann können wir uns dann doch wieder lösen und paddeln die restliche Strecke zum Berg Lake Campground, der als einer der größten Campingplätze mit 21 Tentpads direkt am See liegt. Als das Ufer in Sicht kommt sehen wir bereits zig Menschen am See stehen und Fotos schießen. Klar, alle wollten den Gletscher im Sonnenuntergang knipsen. Da müssen sie jetzt halt damit leben, dass sich ein gelbes Kokopelli und rotes Alpacka in ihre Fotos reinbomben! Ein ganz Verrückter rennt vom Shelter auf das Ufer zu und schmeißt sich mit Anlauf bäuchlings in den Kies. Wir sind überzeugt, er hat sich schwer verletzt und braucht Hilfe, bis er seine Spiegelreflexkamera zückt und drauf los fotografiert. Er berichtet uns, dass er uns schon den ganzen Tag auf dem See rumpaddeln sah (gelber und roter Punkt in der Ferne) und die ganze Zeit auf DAS Motiv gewartet hat. Selbst Alpacka befindet diese Bilderreihe als würdig, um sie wenige Wochen später auf ihrer offiziellen Instagram-Seite zu veröffentlichen.

Ufer am Berg Lake Campground

Während wir am Ufer unsere Booten abbauen, müssen mal wieder viele Fragen beantwortet werden. Insbesondere das Gewicht interessiert natürlich Viele. Witzigerweise sind gerade diejenigen, die eine Kamera mit mehreren Zoom-Objektiven den Berg hochgeschleppt haben, beeindruckt von unserer Zusatzlast.
Diese Nacht zittern wir uns im Zelt durch bei -5 Grad und sternenklarem Himmel. In der Ferne hört man dröhnend den Gletscher kalben und das Kondenswasser friert an der Zelt-Innenwand zu glitzernden Eisblumen.

Tag 3 – Vom Berg Lake zurück ins Tal

Raft Out 4 km, Hike Out 20 km

Morgens ist es eiskalt und sonnig, aber unser Zelt steht leider zwischen den Bäumen. Überhaupt ist die Sonne nur kurz da und verschwindet danach hinter dem Gipfel des Mount Robson und wir zittern weiter.

Als ich mit der Kaffeekanne zum See gehe und frisches Wasser hole, komme ich an unseren Booten vorbei, die wir tags zuvor entlüftet in einem geschützten Bereich am Ufer liegen gelassen haben. Zwei traurige Eisbrecher starren mich an. Kurz frage ich mich, ob das Material der Packrafts in gefrorenem Zustand wohl bricht oder biegsam bleibt? Nach dem Kaffee ist glücklicherweise alles in der Morgensonne wieder aufgetaut und die Boote schaukeln schnell wieder ungeduldig im Türkis.

Kanada Rückweg vom Berg Lake ins Tal © Jens Külzer

Bei perfektem Wetter starten wir gegen 11 Uhr erneut am Berg Lake (der heißt übrigens so, weil der Gletscher dort reinkalbt und kleine Ice“bergs“ manchmal auch im Sommer im See schwimmen). Trotz ein wenig Gegenwind kommen wir zügig voran und überholen auf dem Weg alle Wanderer, die zu Fuß am Campground gestarted sind. Wir vermissen nicht eine Sekunde das Wandern auf Kies und Geröll.

Am Ende des Sees passieren wir unsere Einstiegsstelle und entern den Abfluss. Hier beginnt der Robson River. Es geht ca. 3 km über Kies, Sand und Stein mit teils beeindruckender Geschwindigkeit. Das Wasser eines Nachbargletschers kommt hinzu und wir gleiten auf einem türkisen Band durch das Hochtal.

Dahingleiten auf dem Robson-River

Am Emperor Falls Campground ist unser Ausstieg, den wir schon auf dem Hinweg als letzte Möglichkeit auserkoren haben. Danach geht es nur noch steil bergab und man hört bereits das Rauschen der Wasserfälle.

Packrafting Kanada fertig gepackt © Jens Külzer
Ein wehmütiger Blick zurück

Wir schaffen es sogar, bei warmen Sonnenschein unsere Ausrüstung durchzutrocknen und in Ruhe zu packen. Wir lassen uns Zeit, es graut uns bereits vor dem Fußweg zurück: 20 km bei insgesamt 1000 Meter Höhenunterschied an nur einem Tag – nach dem Paddeln wohlgemerkt – wird von uns im Rückblick als „kann man machen – muss man aber nicht“-Erfahrung bewertet. Die Tour ist und bleibt überwältigend und aussichtsreich bei bestem Wetter, doch ab dem Whitehorn zieht es sich wie Kaugummi und abends sind wir einfach nur fix und fertig.

Alternativ könnte man natürlich problemlos wieder am Whitehorn-Campground einkehren, gemütlich zelten und am 4. Tag über den Kinney Lake zurück paddeln oder wandern. Auf uns wartet stattdessen spät am Abend im Tal ein kleines gemietetes Cottage, was uns auf Anhieb so gut gefällt, das wir gleich mal 2 Tage dort bleiben. Kurze Zeit später hängt der ganze Raum voll mit Schlafsäcken, Zeltplanen, Trockis, Socken und Shirts. Man muss ja ausnutzen, dass man alles wieder ordentlich trocknen und für die nächste Tour vorbereiten kann…

Tour 3 – Glacier Lake

Hike in 10 km → Raft out 10 km

Diese Tour hatte uns unser persönlicher Packrafting-Berater aus Canmore empfohlen. Den Ausstieg hatten wir bereits zwei Wochen vorher auf unserer ersten Fahrt über den Icefields-Parkway erkundet. Der doch gewaltige Saskatchewan, der hier mit dem Howse-River zusammenfließt, war uns damals noch recht respekteinflössend vorgekommen. Trotzdem stand die Tour auf unserer Liste – um diese Jahreszeit wurde vorausgesagt, dass am Glacier Lake außer uns keine Menschenseele mehr zu finden sei und wir deswegen den kleinen Campground mit 5 Zeltplätzen sicherlich für uns alleine hätten. Für alle Backcountry-Campgrounds in Banff gilt übrigens, dass sie vorab reseriert werden müssen! Das macht die Spontanität natürlich etwas schwieriger, wir haben letztendlich aber auch erst am Tag vor dem Start reserviert und hatten keine Probleme. Als wir der Dame im Visitor Center von unserer Idee erzählten, war sie begeistert: „Oh you are going to hike in and raft out? Great!“

Blick auf den Howse River
Blick auf den Howse River

Erneut mit vollem Gepäck gerüstet starten wir zu Fuß von einem kleinen Wanderparkplatz in der Nähe des Saskatchewan River Crossing. Der ca. 10 km lange Hinweg ist überwiegend im Wald gelegen und teils zugeschneit, zwischenzeitliche Ausblicke auf den Fluss im Tal nutzen wir, um uns vorab einen Plan für die kommende Packrafting-Nummer zu machen. Das Schöne an dieser Tour ist, dass das Flusstal nur sehr schwer zu Fuß zu erreichen ist und man daher schon weiß, dass einen ein exklusives Abenteuer ohne andere Wanderer erwartet.

Am Glacier Lake angekommen erwartet uns eine wunderbare Aussicht auf den „Glacier“ (der heißt übrigens wirklich so) und den zugehörigen See, eine Feuerstelle und Bear-Pole – und sehr viel Wind! Auf diesen muss man sich hier einstellen, die Warnung des Park Wardens hallt uns noch im Ohr („expect windy conditions“).

Wie vorhergesagt, sind wir mutterseelenallein und nutzen den noch frühen Tag, um eine Begehung des Flusses zu machen, der sich letztendlich im großen Flusstal zuerst mit dem Howse-River und dann mit dem Saskatchewan vereint. Der Plan ist, direkt am Seeufer zu starten und talwärts zu fahren. Wir sehen schon einige knifflige Stromschnellen und überlegen uns Taktiken um sie möglichst elegant zu umschiffen. Das letzte Drittel lässt sich nicht mehr scouten und wir gehen davon aus, dass es schon irgendwie gehen wird…

Kleine Anekdote am Rande: Als zivilisierter Deutscher fühlt man sich alleine in so einer Gegend (in 10-15 km Umkreis keine Menschenseele) schon ziemlich ab vom Schuss und draufgängerisch. Für Kanadier ist dies vermutlich wie ein Spaziergang im Schwarzwald. Wir fühlen uns aber ziemlich verwegen, als wir uns an diesem Abend in unsere Schlafsäcke ins Zelt kuscheln. Am frühen Morgen werden wir dann von einem Geräusch geweckt, dass – da sind wir uns nach kurzer schlaftrunkener Diskussion einig – wie Hufgeklapper am Kiesstrand klingt. Wildlife! Nach einiger Überwindung schält sich Jens aus der Wärme des Schlafsacks nach draußen in die Eiseskälte, bewaffnet mit Kamera, Bärenspray im Anschlag und der festen Überzeugung, gleich einem Elch gegenüberzustehen. Der vermeintliche Paarhufer stellt sich jedoch als unverschämtes Streifenhörnchem heraus, welches von seinem sicheren Platz über uns in den Bäumen das Umfeld unseres Zeltes mit Tannenzapfen bombardiert… Nach kurzem Fauchen und weiteren Zapfengranaten sind die Machtverhältnisse geklärt und Jens kommt ohne Elch-Foto zurück ins Zelt.

Frühstück am Ufer des Glacier Lake © Jens Külzer
Frühstück am Ufer des Galcier Lake

Nach dem Frühstück starten wir mir unseren Packrafts auf dem Glacier Lake und stürzen uns todesmutig in die Stromschnellen, die wir am Tag zuvor ausgekundschaftet haben. Das kostet uns zunächst etwas Überwindung, sorgt dann aber für jede Menge Jubelschreie. Action!

Da der Fluss eher Kategorie „uneinsehbar“ ist, müssen wir häufig anhalten, Hindernisse umtragen und neu scouten. Irgendwann, das letzte Drittel (sic!) ist angebrochen, erspähen wir einen geschätzt ca. 4 Meter hohen Wasserfall. Danach verengt sich der Fluss reißend in einen Canyon. Das ist uns dann doch zuviel Action, und ein Alternativplan muss her. Laut Karte ist der parallele Pferdepfad nur 70 Meter entfernt. Leider nicht auf Flusshöhe – also liften wir die Boote eine steile und rutschige Böschung hoch. Einpacken und alles nachher wieder auspacken kommt nicht in Frage. Also wird der ganze Krempel ca. 1 km durch den Wald getragen – einem Weg folgend, den zuletzt vermutlich vor mehreren Monaten ein Pferd aus der Nähe gesehen hat. Macheten wären jetzt ganz gut. Ohne ist vielleicht aber auch besser so, die Stimmung droht einige Mal ob der Anstrengung gefährlich zu kippen.

Irgendwann haben wir auch dieses Wegstück geschafft und landen am Anfang des großen Flusstals des Howse-Rivers. Die Boote fliegen ins Wasser und wir sind froh, nichts mehr tragen zu müssen. Vor uns liegen 3 Stunden herrliches Paddelvergnügen bei ordentlicher Strömung in einem fantastischen Panorama. Die Paddeltour hier ist mit Abstand die einsamste, menschenleer – und wunderschön. Der Saskatchewan und der Ausstieg, der uns vor zwei Wochen noch als reißendes Ungeheuer vorgekommen ist, macht noch einmal richtig Bock auf mehr und ist – natürlich – gar nicht so schlimm. Aus der Wasserperspektive sieht halt alles anders aus als vom trockenen Ufer…

Tour 4: Bow-River von Banff nach Canmore

Hike in 6 km (variabel) → Raft out ~8 km

Eine eher übersichtliche Tagestour ist der Wasserweg auf dem Bow-River von Banff nach Canmore. Wer wenig Zeit hat, kann einfach von Canmore aus den Bus nach Banff nehmen, und dort direkt unterhalb der Falls in den Bow-River einsteigen. Wir nehmen uns die Zeit und wandern ca. 6 km den Fluss hoch, um irgendwo mittendrin einzusteigen. Der Bow ist ein fantastischer Fluss mit glasklarem Wasser, mit jetzt 1-2 Metern relativ tief und einer kaum zu erkennenden, sehr flotten Strömung. Die ca. 8 km auf dem Wasser vergehen wie im Fluge, der Fluss trägt uns mit beeindruckender Geschwindigkeit zurück. In den Kurven gibt es hier sogar richtig Action, und es erfordert etwas Muskelkraft, nicht ans Ufer gedrückt zu werden. Zwischendurch lassen wir uns einfach treiben, schauen den Forellen unter uns zu und schwelgen in Gedanken an die letzten 3 Wochen.

Tipps und Tricks

Es muss nicht immer Expedition sein

Wer nicht unbedingt eine 10 Tages-Expedition auf eigene Faust machen will, ist mit mehreren Touren über wenige Tage in den großen Parks gut bedient. Man hat so die Möglichkeit, mehr von Kanada (wenn das überhaupt geht bei den gigantischen Ausmaßen) zu sehen in der wertvollen Urlaubszeit. Wie wir selber gemerkt haben, kann man so auch eher flexibel aufs Wetter reagieren. Schlechtes Wetter ist zwar mit der richtigen Ausrüstung ertragbar, aber 10 Zentimeter Schnee auf dem Zelt muss man mögen. Trotzdem ist der September vermutlich eine der besten Reisezeiten für diese Region Kanadas: Weniger Regen als in den Monaten vorher, nicht so heiß und definitiv weniger Mücken. Und auch wenn uns immer gesagt wurde, dass die Flüsse wenig Wasser hätten, reicht es für die genügsamen Packrafts vollkommen aus.

Trip-Planning

Wer die Wasser-Wanderkarten aus Deutschland kennt, wird von Kanada echt auf die Probe gestellt. Es gibt wohl nichts in der Art, jedenfalls nicht für Banff und Jasper – für die „kleineren“ Parks schon mal gar nicht. Man kann sich behelfen mit Wanderkarten, diese geben jedoch nur einen groben Eindruck der Fluss-Topographie. Wasserfälle sind hier nämlich nur eingezeichnet, wenn sie eine touristische Attraktion darstellen. Und das geht in Kanada gefühlt erst so ab 10 Meter Höhe los. Die Tipps aus dem Outdoor-Laden in Canmore waren aber Gold wert, denn der nette Helfer hatte zumindest eine Ahnung, ob und wie etwas befahrbar ist.

Als Fans von Open-Streetmaps dachten wir auch, dass man ja online viele Informationen bekommen kann. Pustekuchen. Noch nicht einmal die offiziellen Trails des Parknetzes oder die Campgrounds sind alle in OSM eingetragen. Warum ist uns ein Rätsel, aber selbst Wanderwege auf Kuba sind hier besser kartografiert.

Es gibt unzählige mögliche Packrafting-Touren alleine in Banff, Jasper und den angrenzenden Parks, alle mit unterschiedlicher Landschaft und bizarrer Schönheit. Aufgrund des verfrühten Wintereinbruchs konnten wir von den ursprünglich vorgesehenen Touren einige nicht durchführen, z.B. die zum Mount Assiniboine. Desweiteren kommen, wenn man nur zu zweit unterwegs ist, eigentlich nur Rundtouren in Frage, denn wenn am Ausstiegspunkt kein Auto bereit steht, ist man in der Einsamkeit Kanadas aufgeschmissen. Deshalb auch unser Motto „Hike in and raft out“. Größere Gruppen können hier natürlich anders planen und mehrere Autos aufteilen.

Ausrüstung

Wer schon eine Hunsrück-Tour oder andere Expedition mitgemacht hat, besitzt vermutlich bereits vieles an Ausrüstung, was man für Kanada braucht. Unverzichtbar sind natürlich die Trockis, denn alle Flüsse und Seen hier werden von Gletschern gespeist und sind selbst im Sommer eher … frisch. Wer sich fragt, wie man den ganzen Krempel dahin bekommt: Die Ausrüstung für 2 Leute passt problemlos in einen großen Koffer oder BigZip – und ein zusätzliches Gepäckstück bekommt man für ca. 70 Euro über den Atlantik.
Wenn man, wie wir, mit dem Mietwagen unterwegs ist, stellt man schnell fest, dass man außerhalb der eigentlich im Fokus stehenden Packrafting-Touren ja die ganze Zeit aus dem Auto zeltet. Feuerholz ist an den Campingplätzen in der Regel vorhanden – bloß handelt es sich um halbe Baumstämme, die teilweise schon seit Wochen im Regen liegen. Wir hätten uns sooo sehr ein Beil gewünscht…

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